Das Grazer Derby
105 Jahre Fußballgeschichte, 201 Spiele Rivalität. Das Aufeinandertreffen zwischen dem Grazer Athletiksportclub und dem Sportklub Sturm Graz gilt als eine der ältesten Fußballderbys in Österreich. Beide Fanlager zählen zu den treuesten und emotionalsten des Landes. Diese Emotionalität erlangte vor allem in den Medien ein durchaus schlechtes Image: Ein rot eingefärbtes Schwein, das als Sinnbild für den anderen Verein auf einer Autobahnbrücke aufgehängt wurde, Schlägereien vor und nach Spielen und Überfälle auf Fanlokale sorgten für viel negative Berichterstattung. Was hier aber übersehen wird: Vor allem Ultra-Gruppierungen sind Schuld an diesen Ausartungen. Wir wollten allerdings wissen, wie „normale“ Fans ticken. Teilen sie diese starke Abneigung für den anderen Verein? Wie sind sie überhaupt zu ihrem Herzensklub gekommen? Was macht das Derby besonders? Dafür klapperten wir bekannte Fanhotspots ab und trafen manchmal auf gesprächsbereite Menschen und manchmal auf Anhänger, die ihre Anonymität bevorzugten. Eine Schnitzeljagd durch eine schwarz-rote Stadt.
SK Sturm Graz
Grazer AK
Der SK Puntigamer Sturm Graz wurde am ersten Mai 1909 im Augarten gegründet. Der Legende nach herrschte damals ein starkes Unwetter in der steirischen Landeshauptstadt, der kurzerhand zum Namenspatron der neugegründeten Mannschaft gewählt wurde. In den Anfangsjahren spielten die Blackies auf verschiedenen Plätzen, bis man mit der Gruabn im Jahr 1919 eine feste Heimat fand. Das legendäre Stadion am Jakominigürtel gibt es heute immer noch, wird aber nach dem Umzug des Vereins in die Merkur Arena von einem kleineren, fünftklassigen, Grazer Verein benutzt. Mit Kult-Trainer Ivica Osim erlebten die Schwoazn in den späten 90ern ihre Blütezeit: zwei Meistertitel und ein Double konnten nach Hause geholt werden. Besonders bemerkenswert waren auch die Auftritte in der Champions League, in der man gegen Star-Kicker wie beispielsweise David Beckham antreten durfte. Dort schaffte man im Jahr 2000 auch den Gruppensieg. Eine Leistung, die noch kein österreichischer Fußballverein nachmachen konnte. Mittlerweile kann der Verein auf sieben Cup Titel und fünf gewonnene Meisterschaften, die letzte in der Saison 2024/25, stolz sein und die Anhänger des Clubs sind sich einig: Graz is schwoaz-weiß!
Der Grazer Athletiksport Klub, oder kurz GAK, wurde am 18. August 1902 gegründet. Seine Heimat fand der Verein in der Körösistraße, in der man zuerst die sogenannte Hauptmühlwiese erwarb und diese dann mit der Zeit zu einem sehenswerten Sportplatz, dem Casino-Stadion, ausbaute. Ab der Saison 1975 trug man jedoch seine Spiele im Bundesstadion Liebenau (heute Merkur Arena) aus, das Casino-Stadion wurde nur noch als Trainingsstätte benutzt, bis es 2005 endgültig abgerissen wurde. Genauso traurig wie der Abriss der traditionsreichen Spielstätte war, war auch das Schicksal der Rotjacken: obwohl man durchaus sportliche Erfolge verzeichnen konnte (Meistertitel 2003/4, Cupsieger 1981, 2000,2002,2004) war man wirtschaftlich schwächer aufgestellt. Ab 2007 meldete man mehrere Konkurse an, 2012 wurde der Profi Betrieb eingestellt und der Verein löste sich auf. Ein Jahr später gründete man sich jedoch neu und startete den Spielbetrieb in der untersten steirischen Liga neu. Es startete ein sensationeller Durchmarsch von der achten bis in die zweite Liga in nur 6 Jahren. Dort plagten sich die Roten ein wenig, bis sie endlich ihren wohlverdienten Platz im Fußball-Oberhaus am dritten Mai 2024 fixieren konnten. Nun versuchen die Athletiker mit aller Kraft, ihren Platz in der höchsten Spielklasse zu halten und an alte Erfolge anzuschließen. Dabei werden sie von zahlreichen, leidgeprüften Fans unterstützt für die eines ganz klar ist: Graz is rot!
Die Gruabn
Das Skurril
Unsere Reise durch die Vereinsgeschichte der Mannschaft Sturm hat uns auch in den Grazer Bezirk Jakomini verschlagen. Hier befindet sich – eingeklemmt zwischen Wohnhausblöcken und der Stadthalle – die Gruabn. Das umgangssprachliche Dialektwort für „Grube“ bezeichnet hier offiziell ein Fußballfeld. Auf diesem Feld hat Sturm mehrere Jahrzehnte lang Matches und Trainings abgehalten. Heutzutage trainiert Sturm Graz nicht mehr auf dieser Wiese, doch wird sie nach wie vor mit „Sturmplatz“ betitelt.
Als wir dort sind, wird gerade kein Fußball auf dem Gras gespielt, abgesehen von zwei Männern, die in einem hinteren Teil des Feldes Torschüsse üben. Die umliegenden Zäune sind mit Planen und Platten zugehängt, um die Sicht von außen zu vermindern. Auf der Innenseite umgeben Tribünen aus Holz und mit Gras bewachsene Abhänge den Spielbereich.
Während wir uns umsehen, treffen wir auf einen Mann. Er entpuppt sich als eingefleischter Sturmfan. Unserem Projekt tritt er allerdings mit Misstrauen entgegen. Als wir ihm sagen, dass wir schon Interviews mit Fans des GAK gefilmt haben, reagiert er ungläubig, weicht dann aber etwas auf.
Wir können ihm Fragen stellen, er möchte jedoch nicht aufgenommen werden. Ihm gefiele die Entwicklung der Vereine im Moment nicht. Sie seien wichtig für Graz, doch hatten sie früher mehr gemein. Das Derby würde brennen und Hass würde zwischen den Fans mitgegeben werden, bevor es überhaupt zum Kontakt kommt. Seiner Meinung nach müsse man akzeptieren, dass GAK-Fans eben GAK-Fans sind, weil sie den Verein mit anderen Augen sehen.
Fröhlicher wirkt der Mann schließlich, als wir ihm die Frage nach seinem schönsten Moment mit Sturm stellen. Der Meistertitel im Vorjahr. „Es war so unerwartet, ich habe gar nicht damit gerechnet“, sagt er, „zur Feier habe ich dann auch ein Meisterlied zur Melodie von Midlifecrisis getextet.“ Für ihn ist der Sturm Graz der beste Verein und die Fans sind ein Teil dieses Vereins.
Die „Skurril“-Bar in Graz ist nicht nur ein kultureller Hotspot, sondern auch eng mit der lokalen Fußballszene verbunden. Als beliebter Treffpunkt für Fans und Besucher aus der Region zieht die Bar regelmäßig Anhänger des großen Grazer Fußballvereins – GAK – an und dient als beliebter Treffpunkt. Hier treffen sich nicht nur Fußballbegeisterte, sondern auch Menschen aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen, um die Leidenschaft für den Sport zu teilen.
Am 6. Dezember 2014 kam es in der Skurril-Bar zu einer Auseinandersetzung zwischen Sturm und GAK Fans.
Fans des SK Sturm überfielen die Weihnachtsfeier eines GAK-Fanclubs. Dabei wurde der Inhaber des Lokals, sowie ein Angestellter verletzt. Es entstand ein Sachschaden von mehreren tausend Euro.
Diese und weitere Auseinandersetzungen, führte zu einem offenen Brief des Grazer AK (GAK), der sich gegen Gewalt und für ein respektvolles Miteinander in der Stadt aussprach.
Die Betreiber der „Skurril“-Bar, die selbst langjährige Fußballfans sind, unterstützen diese Botschaft und setzen sich aktiv für ein gewaltfreies Miteinander zwischen den Anhängern beider Vereine ein. Sie sehen ihre Bar als einen neutralen Raum, in dem der Austausch über den Fußball hinaus stattfinden kann – in einem respektvollen und gewaltfreien Umfeld. Die Bar ist somit nicht nur ein Ort der Kultur, sondern auch ein Symbol für den positiven und respektvollen Dialog zwischen den Fußballfans von Sturm Graz und dem GAK.
Die Bar erschien uns als perfekter Ort, um mehr über unser Projekt herauszufinden.
Also haben wir uns auf den Weg zur Skurril-Bar, um Interviews mit GAK-Fans zu führen.
Nachdem der Kellner uns darauf hingewiesen hat, dass wir mit großer Wahrscheinlichkeit die Chance haben mit Fans zu sprechen, haben wir fast eine Stunde lang dort gewartet, aber ohne Erfolg. Mit jeder Minute die verstrich, wurde auch unsere Hoffnung weniger, noch eine Interview zu bekommen. Unsere Laune wurde schlechter. Deprimiert haben wir uns dazu entschlossen zu fahren. Kurz bevor wir gehen wollten, alles bereits wieder eingepackt, tauchte dann doch noch ein Fan auf, der sich dazu bereit erklärte, ein Interview zu geben. Er wollte sich nicht filmen lassen, war aber zu einem Gespräch bereit. Das Interview lief gut und hat uns brauchbare Informationen geliefert. So hatten wir am Ende des Tages doch noch ein GAK-Interview und auch unsere Laune wurde wieder deutlich besser.
Das Stadion
Was passiert, wenn man enttäuschten Fußballfans den Wunsch auf ein neues Stadion verwehrt? Richtig, sie mauern einfach den Eingang zum Rathaus zu. Aber fangen wir von vorne an.
An dem Ort, an dem heute das Liebenauer Stadion steht, war früher ein Sportplatz, der kleineren Vereinen als Sportstätte diente. Nach dem Ausbau 1951 war das Bundesstadion Liebenau geboren. Eröffnet wurde am 9. Juni 1951 es mit einem Freundschaftsspiel der steirischen Landesauswahl gegen den englischen Klub AFC Sunderland. Durch weitere Modernisierungen in den 70er Jahren wurde Liebenau immer attraktiver für Sturm und den GAK. Nachdem beide Stadtklubs für einige Jahre ihren Spielbetrieb ins Bundesstadion verlegten, jedoch in den 80ern zurück in ihre alten, renovierten Heimstätten zogen, wurde in den 90ern mit dem kompletten Neubau der Anlage begonnen. 1997 wurde das neue Arnold-Schwarzenegger Stadion-Graz-Liebenau mit dem 91. Stadtderby eröffnet. Beide Vereine hielten hier ihre Heimspiele ab, bis sich der GAK 2012 aufgrund eines Insolvenzverfahrens auflösen und neu gründen musste. Mit der Rückkehr der Rotjacken in die Bundesliga 2023/2024 wurden die Stimmen nach einer Zwei-Stadion-Lösung vor allem auf Seiten Sturm Graz immer lauter. „Sportklub Sturm Graz braucht eine Heimat!“, rief Vereinspräsident Christian Jauk bei der Meisterfeier 2023. Pläne für die Umwandlung und Umbenennung der Merkur Arena, wie das Liebenauer Oval mittlerweile genannt wird, in ein reines Sturm-Stadion hatte dieser schon seit Beginn seiner Amtszeit 2012.
Der GAK hat eine gemäßigtere Position: Man ist sich bewusst, dass die Lage nicht optimal ist und würde einem zweiten Stadion positiv gegenüberstehen, solange man keine großen finanziellen Lasten auf sich nehmen muss. Die Stadtregierung bleibt aber ihrem Kurs treu- nach einem 150 Millionen Euro teuren Umbau sollen beide Vereine in Liebenau ihre Heimat finden. Zweifellos sind zahlreiche Sturm-Fans durch diese Entscheidung enttäuscht und fühlen sich, als rede man in der Stadionfrage seit Jahren gegen eine Wand. Und wer weiß, vielleicht nimmt diese metaphorische Wand wieder einmal Gestalt an. Vor dem Eingang des Grazer Rathauses.